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Das Herz spielt im Meditationsleben eine herausragende Rolle, und dafür gibt es jede Menge guter Gründe! Bevor ich darauf aber näher eingehe, muss einmal erklärt werden, was man unter Herzensmeditation überhaupt versteht:

Der Wesensaufbau des Menschen

pexels edward jenner 4253062Der Mensch verfügt über verschiedene „Hüllen“ bzw. Wesenskerne, die er in der Regel nicht getrennt voneinander erlebt bzw. streng voneinander unterscheidet. Wenn wir „ich“ sagen, meinen wir die Summe unserer Emotionen, unseren Körper, unseren Verstand – also einfach alles, was uns ausmacht. Der Meisteryogi, der die inneren Welten schon alle erforscht und erkannt hat, sieht das menschliche Wesen viel differenzierter; das heißt, er weiß auch immer genau, von woher ein Impuls zum Beispiel stammt.

Die Seele

Für ihn ist die Seele mit Abstand das wichtigste Element im Menschen, also jener Teil von uns, der formlos, der unsterblich ist und sich mental nicht definieren lässt, sondern nur in der Meditationstrance erfahren werden kann. Da die Seele, in Indien auch das Atma - also das (göttliche) Selbst genannt, das einzig bleibende Element im Menschen ist, wird sie auch das Wirkliche im Menschen genannt, auch wenn sie für den an der Oberfläche des Daseins fixierten „Normalbürger“ unerkannt bleibt. Die Seele leidet nie, sondern befindet sich immer in einem Zustand ständiger Glückseligkeit. Ohne Seele gibt es zwar kein Leben, aber sie steht gleichzeitig über dem Leben. Der Unterschied zwischen einem Todkranken und einem gerade Verstorbenen liegt darin, dass beim ersteren noch die Seele im Körper ist, beim letzteren nicht mehr. Die Seele ist, wenn man so will, die eine Wirklichkeit des Seins, die hinter allem Materiellen als Bewusstseinssubstrat (in verschiedenster Entwicklungsstufe) existiert.

Wenn wir uns einen Film anschauen, benötigen wir eine Leinwand. Obwohl die Leinwand unabdingbar ist sehen wir sie während des Films nicht wirklich, sondern leben gewissermaßen in der Illusion: Sehen wir uns zum Beispiel einen Film an, in dem es brennt, sehen wir statt der Leinwand Feuer, oder wenn ein reißender Fluss gezeigt wird, sehen wir Wasser – aber die Leinwand brennt nicht und wird auch nicht nass. In Analogie dazu ist die Seele bzw. das Bewusstseinslicht der Seele für das Erleben (und Leben) notwendig, aber die Seele bleibt letztlich von den Erfahrungen des Lebens unberührt wie die Leinwand vom Film. Sie macht allerdings durch die Summe der Erfahrungen inneren Fortschritt, entwickelt sich weiter, enthüllt Schritt für Schritt ihr Potential. Diese Metapher für die Seele ist nur ein schlechter Vergleich, um dem Verstand das für ihn Unfassbare zu erklären die Seele. Ohne Seele gibt es jedenfalls kein Bewusstsein, kein Leben, keine Existenz. Aber sie ist nicht ident mit unseren Bewusstseinsinhalten.

Und genau diese Seele wollen wir durch die Meditation erreichen, erkennen bzw. verwirklichen, denn in ihr werden wir unsere Erleuchtung bzw. Erlösung erfahren. Sie ist in einem ewigen Zustand unglaublicher Glückseligkeit und höchster Erkenntnis, denn sie ist eins mit der Quelle allen Seins, eins mit Gott.

Aber direkten Zugang zur Seele haben nur sehr, sehr wenige verwirklichte, erleuchtete Yogis. Also müssen wir uns eine Brücke zur Seele suchen, eine Tür, die uns dorthin führen kann.

Der Körper

Da haben wir einmal unseren Körper. Er ist uns zwar am besten bekannt, da wir ihn an der äußersten Oberfläche unseres Daseins, auf die wir am meisten fixiert sind, sehen und studieren können – da, wo üblicherweise auch das Bewusstsein des „Normalbürgers“ daheim bzw. fixiert ist. Aber der Körper ist viel zu träge und dumpf, sein Bewusstsein zu unentwickelt, als dass er uns zur Seele führen könnte. Trotzdem möchte ich hier erwähnen, dass die Meditation auf körperliche Vorgänge, etwa auf unseren Atem, durchaus als sehr erfolgversprechende Meditationsübungen angesehen werden können.

pexels humphrey muleba 1612861Das Vitale

In der inneren Hierarchie über dem Körper stehend, aber natürlich in unserem Wesen befindet sich das Vitale, also unsere emotionale Hülle. Hier finden wir unsere dynamischen Energien, unsere inneren Sehnsüchte, ein Teil unserer Liebe, aber auch unser Zorn, unsere Aggressionen, unsere Eifersucht, unser Neid und alle anderen Emotionen. Die positiven Emotionen werden uns helfen, in der Meditation Fortschritt zu machen. Die negativen Emotionen stellen hingegen ein Hindernis für den spirituellen Forstschritt dar. Das Größte der emotionalen Chakren befindet sich übrigens im Subtilbereich in der Gegend des Nabels auf der Höhe der Wirbelsäule. Der Volksmund kennt das, denn völlig richtig sagt er „die Wut im Bauch“. Generell raten die großen Yogis davon ab, auf dieses Chakra zu meditieren; die Gründe dafür sind zahlreich und können hier nicht aufgezählt werden. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass in der Zen-Sadhana durchaus auf dieses Chakra meditiert wird. Auch ein schmaler, ein gefährlicher Weg ist ein Weg, der zum Ziel führt oder führen kann, allerdings erreichen hier nur wenige tatsächlich das Ziel.

pexels pixabay 54101Der Verstand

Die nächst höhere Bewusstseinswelt in unserer inneren Hierarchie ist unser mentales Wesen, unser Verstand, der sich wiederum aus verschiedensten Bereichen zusammensetzt. Und auf den bilden wir uns viel zu viel ein! Sicher, er hebt uns vom Tierreich ab und hat uns viele Vorteile im Leben auf diesem Planeten ermöglicht. Selbstverständlich stellt er auch einen ganz wichtigen Wesensteil des Menschen dar. Aber im spirituellen Leben bereitet er uns über lange Zeit hinweg aufgrund seiner Eigenarten viele, viele Probleme. Der Verstand sieht die Welt voller Argwohn, Misstrauen; er ist die Quelle allen Zweifels, der Sitz des Überlegenheitsgefühls sowie des Minderwertigkeitskomplexes – er will immer allen beweisen, dass er besser ist, als die anderen. Er ist nie zufrieden und glücklich und kann als Sitz des Pessimismus betrachtet werden Der Verstand ist auch der Sitz des Egos, und das Ego wiederum verursacht all unser Leid.

Meditation bedeutet, über den Verstand hinaus zu gehen. Erleuchtung kann erst dann stattfinden, wenn der Verstand auf dem inneren Weg zusammengebrochen ist oder, treffender ausgedrückt, sich dem Herzen ergeben hat. Wir versuchen daher in der Meditation über den Verstand hinauszugehen, und aus diesem Grund kann er uns natürlich nicht als Brücke zur Seele, als Meditationsort dienen. Obwohl auch hier anzumerken ist, dass man etwa im Jnana Yoga durchaus versucht, den Weg zum Selbst primär über den Verstand zu gehen. Aber auch im Jnana Yoga muss man letztlich irgendwann den Verstand hinter sich lassen und wird dann am gleichen Ziel ankommen, wie der Yogi, der die Herzensmeditation praktiziert – es wird nur in der Regel ein wenig länger dauern. Jnana Yoga ist also ein durchaus legitimer Weg. Es ist aber wirklich äußerst schwierig, über diesen bis ans Ziel zu gelangen – nur wenigen Suchern ist das über die Jahrtausende gelungen.

pexels gabby k 5874597Das spirituelle Herz

In der „inneren Hierarchie“ steht das spirituelle Herz, also unser psychisches Wesen (in dessen Umfeld auch ein kleineres vitales Zentrum liegt, in dem höhere Emotionen „daheim“ sind) über dem Verstand. Im Abendland kennt man das spirituelle Herz von den „Herz Jesu-Darstellungen“, die fast in jeder Kirche zu finden sind. Auch die Mutter Gottes wird gerne mit einem symbolischen Herz in der Mitte (!) der Brust abgebildet, von dem goldenen Strahlen ausgehen. Seit Jahrtausenden sprechen die Mystiker und Yogis über das spirituelle Herz, das sich in der Mitte unserer Brust befindet und nicht mit dem Muskel, unserer Blutpumpe, die ein bisschen links im Brustkorb liegt, verwechselt werden darf. Das spirituelle Herz ist ein Chakra, also ein Ort, wo die beiden subtilen Hauptnerven Ida und Pingala im Bereich der Wirbelsäule zusammentreffen und im Feinstofflichen ein Energiezentrum bilden.

Die Gründe, warum sich die Herzensmeditation, also die Meditation auf das Herzchakra, am meisten empfiehlt, sind zahlreich! Am einfachsten verstehen wir sie, wenn wir an ein Kind denken:

„Nur wenn ihr wie die Kinder werdet, werdet ihr das Königreich Gottes sehen!“ So eine ähnliche Äußerung kennen wir vom bekanntesten Meister des Abendlandes. Und die indischen Meister stimmen völlig damit überein! Ein Kind ist ganz im Herzen und eben dorthin will man in der Herzensmeditation kommen, denn ein Herzensmensch, also jemand, der im Herzen lebt – das kein reines Privileg der Kinder - , bekommt vom Herzen folgende unvergleichliche Eigenschaften:

DAS KÖNNEN WIR VON KINDERN LERNEN:

 Aufrichtigkeit: Ohne Aufrichtigkeit werden wir nie an das Ziel gelangen. Wenn ein Kind eine Süßigkeit bekommen will, können wir ihm 1000€ hinhalten, aber es will so aufrichtig die Süßigkeit, dass es das Geld ausschlagen wird. Im spirituellen Leben wird uns Aufrichtigkeit auch enorm helfen und von Abwegen bewahren. Wer nur so oberflächlich dahin meditiert, der wird nicht weit kommen. Wer hingegen mit großer Aufrichtigkeit meditiert und die verschiedenen Aspekte des Meditationslebens ernst nimmt, wird wie eine Rakete hinaufschießen.

pexels ivan samkov 4783969Spontanität: Spontanität und Natürlichkeit gehen Hand in Hand. Ein Kind versucht nicht, den Menschen etwas vorzumachen, eine Rolle zu spielen, sondern es ist wie es ist – ungeschminkt ehrlich und selbstverständlich; ja und auch in der Regel zufrieden mit sich und der Welt. Erst wenn sich mit zunehmendem Alter der Verstand entwickelt und das Wesen mehr und mehr dominiert, beginnen wir, (oft unbewusst) Rollen anzunehmen bzw. zu spielen und versuchen uns oft, für andere in ein besonderes, natürlich gutes Licht zu stellen. Gott ist einfach und er will, dass wir zu ihm kommen, so wie wir sind, er will nicht, dass wir Ihm etwas vorspielen oder uns verstellen. Gott ist etwas ganz Normales, daher werden wir ihn auch am schnellsten (in uns) entdecken, wenn wir ganz normal bleiben.

Reinheit: Im spirituellen Leben entscheidet die Reinheit über die Geschwindigkeit, mit der wir inneren Fortschritt machen. Darüber hinaus ist innere Reinheit notwendig, um innere Erfahrungen assimilieren und behalten zu können. Ein Kind ist von Natur aus ein reines Wesen. Daher strömt auch ganz spontan unsere Liebe zu den Kindern. Und deshalb sind Kinder auch so schön! Das heißt jetzt nicht, dass sie unbedingt äußerlich auffällig hübsch sein müssen, aber etwas in ihrer Reinheit und Unschuld und Ursprünglichkeit, lässt uns sie einfach lieben. Und wenn sie auch körperlich schmutzig daherkommen mögen, schauen uns aus dem vielleicht verschmierten Gesicht, zwei reine schöne Augen an. Da der Verstand bei Kindern völlig im Hintergrund bleibt, manifestieren sich viele Unreinheiten erst gar nicht, wie etwa Zweifel, Sorgen, Pessimismus usw.

Einfachheit: Gott ist nicht kompliziert, er ist etwas sehr Einfaches, berichten die erleuchteten Yogis. Wer Gott verwirklichen will, Gott schauen will, muss daher selbst einfach werden. Dabei macht er eine interessante Erfahrung: Einfach zu sein/zu leben, bedeutet in den meisten Fällen auch glücklich zu sein/leben! Glaubt ihr das nicht? Probiert es einfach einmal aus; ihr werdet sehen. Je einfacher ihr euer Leben gestalten könnt, desto erfüllter werdet ihr sein.

pexels cottonbro 6054110Natürlicher Glauben: Glauben versetzt Berge. Wer keinen Glauben zumindest an sich selbst hat, wird nichts im Leben erreichen. Wer keinen Glauben an die Kraft der Meditation hat, wird nie zu meditieren beginnen. Glaube ist eine große Kraft. Medizinische Studien haben gezeigt, dass Placebos zu 30 % die Beschwerden der Patienten lindern bzw. zum Verschwinden bringen. Das krasseste Beispiel über Glauben, von dem ich als Arzt erfahren habe, war Folgendes: Ein Mann litt unter schwersten Depressionen und war deswegen mitunter auch in stationärer Behandlung. Als er wieder daheim war, sah seine Tochter, die ihn betreute, dass er eine Dose mit schwersten Psychopharmaka im Kasten hatte. Sie machte sich Sorgen, dass der Vater sich einmal in einer Zuspitzung der Krise das Leben nehmen könnte und wollte daher die Medikamente nicht so bei ihm lassen. Sie tauschte den Inhalt kurzerhand mit Placebos aus (also irgendwelchen wirkungslosen Zucker/Stärketabletten). Und dann passierte es: Der Vater wollte tatsächlich eines Tages Selbstmord begehen und nahm alle Tabletten der Dose auf einmal ein. Und er starb!

Im Positiven – und ein innerer Sucher versucht immer, sich auf die positiven Seiten zu fokussieren – kann der Glaube natürlich ebenso viel Gutes bewirken. Wenn wir Glauben haben, müssen wir uns nicht überall zuerst selbst die Finger verbrennen. Es reicht, wenn die Mutter sagt, greif nicht ins Feuer. Wir glauben ihr einfach. Und wenn wir an unsere Seele, an eine höhere Kraft, an die innere Führung und einen tiefen Sinn im Leben glauben können, wird das unser Leben in einer Weise bereichern, die sich ein Ungläubiger ganz einfach niemals vorstellen kann.

pexels gustavo fring 4173161Freude: Wahre Freude ist nicht etwas, was wir von außen erhalten, sondern was in uns existiert und nur befreit werden muss. Kinder haben den spontanen Schlüssel zu dieser Freude, denn sie leben im Herzen und das Herz hat einen direkten Draht zur Seele, deren Essenz Glückseligkeit ist. Für jemanden, der im Herzen meditiert, ist es nichts Ungewöhnliches, nach der Meditation aufzustehen und überaus glücklich und dankbar zu sein, obwohl er von der äußeren Welt absolut nichts erhalten hat. Über die Jahrtausende betonten Yogis der verschiedensten Wege, dass die eigentliche Essenz des Menschen die Freude, genauer gesagt die Glückseligkeit (Ananda) ist. Er hat diese Wahrheit nur vergessen, da sie aufgrund der vielen Stimuli vom Körper, Emotionellen Wesen und Verstand völlig verhüllt wird. In der Meditation versucht man über eine Läuterung des Wesens wieder zu dieser inneren höchsten Wirklichkeit vorzudringen. Diese Glückseligkeit darf nicht mit der flüchtigen Freude verwechselt werden die uns „name and fame“, also Name, Ansehen, soziale Position, Orden und Statussymbole usw. einbringen. Derlei Dinge spielen auch für Kinder keine große Rolle…

Direkter Kontakt mit der Seele: Die Seele ist überall in unserem Wesen, aber – wenn man so will – ihr Wohnzimmer, also jener Ort, wo man sie am einfachsten trifft, ist das spirituelle Herz. Kein Wunder also, dass Kinder, die auf natürliche Weise im Herzen leben, über einen viel direkteren Kontakt zur Seele verfügen. Daher sind sie in ihrer Grundeinstellung optimistisch, während die Verstandes-lastigen Erwachsenen eher zum Pessimismus und zu Sorgen tendieren. Sie machen sich Sorgen, und zwar mit ihren Gedanken. Die deutsche Sprache ist hier recht präzise: Die Sorgen sind nicht a priori da, nein wir „machen“ uns (unnötig) Sorgen (wenn wir im Verstand sind)! Im Herzen macht man sich aber keine Sorgen, weil es dort schlicht keine Gedanken gibt. Denkt an die Augen der Kinder: diese Unschuld, diese Reinheit, dieses Leuchten, diese Schönheit – das alles ist ein leichter Abglanz der Seele, mit der Kinder einfach noch direkter verbunden sind, als Erwachsene. Ich werde nicht vergessen, als ich einmal mit einer ca. 60-jährigen Kollegin in ein Kinderzentrum impfen gegangen bin. Dort waren viele Kinder Bilder verschiedenster Ethnien aufgehängt. Als wir die Bilder betrachteten, meinte meine Kollegin: „Ist es nicht seltsam, dass aus all diesen wunderschönen Kindern einmal so hässliche Erwachsene werden?“ Zuerst war ich überrascht über diese Überlegung, aber es steckte ein großer Kern Wahrheit in ihrer Aussage. Vielleicht wäre ich mit meiner Einschätzung nicht so weit gegangen, aber dass die Erwachsenen stumpfer, gelangweilter, weniger lebhaft sind und weniger strahlen, darüber wird wohl niemand zweifeln.

Ein Kind verfügt übrigens auch über die Überzeugung, dass es ewig leben wird. Und damit hat es auch völlig recht, denn die Seele, mit der das Kind noch mehr identifiziert ist, ist von ewiger Natur. Nur das Materielle, das Mentale und unser Gefühlswesen ist gekommen, um wieder einmal zu gehen…

Intuition: Ich bin immer wieder erstaunt, wie intuitiv Kinder sein können. Wahrscheinlich hängt dies auch damit zusammen, dass ihre Informationen nicht jedes Mal durch das enge mentale Sieb gefiltert werden. Eltern, die zum Beispiel vor den Kindern eine heile Welt vorspielen, obwohl ihre Ehe zerrüttet ist, brauchen nicht glauben, dass sie ihre Kinder tatsächlich täuschen könnten. Das Herz nimmt vieles auf direktere unverfälschtere Weise wahr, als unser trickreicher Verstand.

pexels sharon mccutcheon 1153895Kreativität/Phantasie: Der Verstand ist immer voller Zweifel, Analyse, Besserwissen und Verdächtigungen. Wer im Verstand lebt, ist in der Regel nicht sehr kreativ. Er kritisiert lieber die Kreativen. Setzt man einen Verstandesmenschen in einen Garten, wird er ihn so lange genießen, bis er ihn ausgekundschaftet hat. Dann wird er schon langsam gelangweilt werden. Müsste er täglich eine Stunde im gleichen Garten verbringen, wäre dies für ihn schrecklich. Ein Kind hingegen würde im gleichen Garten mit seinen Herzensaugen täglich etwas Neues entdecken oder in den gleichen Blumen eine neue Schönheit enthüllen. Der Verstandesmensch sieht den Sonnenaufgang und sagt, das kennen wir ja schon, ist nichts Neues. Der Herzensmensch fängt jedes Mal an zu tanzen, wenn die Sonne aufgeht, denn er wird es jedes Mal als etwas Besonderes, etwas Neues erfahren. Ihm wird nie langweilig!

Vertrauen und Unbeschwertheit: Argwohn, Verdächtigungen und Misstrauen sind Qualitäten des Verstandes. Das unschuldige Kind, dem noch nicht viele negative Dinge widerfahren sind und das vor allem den fast bedingungslosen Schutz der Mutter genießt, lebt unbekümmert und sorglos. Kein Wunder, vertraut es doch auf den Schutz seiner Eltern und denkt es aufgrund seiner natürlichen Zentrierung auf das Herz an das Gute im Menschen.

Auch der tief Gläubige weiß, dass der Schöpfer oder die Weltenmutter sich um nichts weniger um uns kümmern wird, als sich eine menschliche Mutter um ihr Kind sorgt. Wer im Herzen lebt, kann dieses Grundvertrauen zurückgewinnen und lernen zu erleben, wie leicht und glücklich man das Leben auf diesem wunderbaren Planeten verbringen kann!

pexels prakash chavda 7110587In Indien gibt es übrigens Yogis und Sadhus, die sich in diesem Vertrauen auf eine besondere Weise üben. Diese Wanderbettelmönche sind von den Gaben der Bevölkerung abhängig, da sie nicht arbeiten bzw. nur innerlich Arbeit; sie verbringen den Tag im Gebet und der Meditation. Wenn sie dann bei den Häusern klopfen, um ein Almosen, eine Schüssel Reis zu erhalten, werden sie in der Regel versorgt. Eine besondere „Übungen“ dieser Sadhaks, also spirituellen Sucher, liegt nun darin, nicht betteln zu gehen, nicht um Essen zu bitten, sondern sein Leben völlig in die Hände Gottes zu legen und darauf zu vertrauen, dass er aufgrund der „Vorsehung“ nicht verhungern muss. Es scheint sich zu zeigen, dass jene Heiligen, die zu so einer Übergabe ihres Lebens in die Hände Gottes fähig sind, nie verhungern. Die göttliche Vorsehung kümmert sich um sie… Ähnlich heißt es übrigens im Matthäus Evangelium: „Nehmet wahr die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist als jene.“ Oder: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?“ Ein Kind, das noch das Gottvertrauen bzw. das Urvertrauen in die Mutter hat, lebt hier mit unerschütterlichem Glauben und ist daher völlig sorgenfrei, heiter, unbeschwert und glücklich. Im Herzen lebend könnten wir alle so sein!

pexels helena lopes 4453112Energie und Intensität: Ein Erwachsener geht oder manchmal schreitet er würdevoll dahin. Nicht so ein Kind: Es läuft, es springt, es hobst, es singt dabei oder schreit (nicht spricht, sondern schreit – wer das nicht glaubt, möge einmal in einen Kindergarten oder zu einem Kinderspielplatz gehen, wo mehrere Kinder miteinander spielen). Woher nehmen die Kinder diese unglaublichen Energien? Sie sind im Herzen und haben daher einen viel direkteren Zugang zur kosmischen Energie als ein mental gesteuerter Erwachsener, der sich aufgrund seines trockenen Verstandes oft matt, ausgelaugt und müde und gelangweilt fühlt und mitunter seine innere Leere mit Internet, Alkohol oder Drogen oder Ähnlichem bekämpfen will.

Im Hier und Jetzt: Wer im Hier und Jetzt lebt, braucht sich keine Sorgen zu machen; er wird einfach glücklich sein. Vielleicht ist es gerade der Kick, den die Kletterer suchen. Sie müssen so konzentriert sein, dass sie nicht abstürzen – automatisch verbleiben sie im Hier und Jetzt. Und der Yogi macht auch nichts anderes: Zu meditieren bedeutet eigentlich nichts anderes als im Hier und Jetzt zu verweilen! Wieder sind die Kinder unsere Vorbilder! Manchmal muss ich wirklich schmunzeln, wenn ich zum Beispiel ein Kind impfe und es dann wie am Spieß schreit. Plötzlich „zaubere“ ich mit einer geheimnisvollen Handbewegung ein Zuckerl in meine Hände und halte es dem Kind hin. Noch hat es die Tränen auf der Wange und schon schaut es mich stumm mit großen Augen an und greift zum Zuckerl. Das Weinen vergisst es oft von einer Sekunde auf die andere. Denn in sein „Jetzt“ ist nun schon wieder eine neue Wirklichkeit, nämlich das Zuckerl, getreten…

Optimismus: So wie der Verstand in der Regel die Negativität, den Pessimismus für sich gepachtet hat, so verfügt das Herz über einen unerschöpflichen Fundus an positiven Impulsen und Optimismus. Das allein sollte schon mehr als Genügen, um das Zentrum seines Bewusstseins, bzw. seines „Seins“ zumindest während der Meditation ins Herz zu verlagern! Die Kinder, die von Natur aus im Herzen leben, lachen im Schnitt 400-mal am Tag. Erwachsene bringen es nur auf ca. 20-30-mal! Ich glaube, diese Zahlen sprechen für sich! Übrigens, wer so richtig herzhaft lachen kann, und ich spreche hier nicht vom Lachen, das vom Verstand, wie bei den meisten Erwachsenen, kommt, sondern einem Lachen, wo jede Faser des Wesens vibriert, also von einem schallenden Lachen, wo man mitunter geradezu nach Luft ringt – also wer so lachen kann, der durchschlägt vielleicht in einer Minute mehr innere Knoten, als jemand, der mit großem Ernst stundenlang vor sich hinmeditertiert. Zumindest sagt so die große Meisterin Sri Anandamoy Ma.

Das Herz ist auch die Quelle der Liebe und wenn unser Wesen von Liebe erfüllt ist, sehen wir alles verklärt, können alles verzeihen, jeden ermutigen und sind wir aufrichtig glücklich.

pexels marta wave 6437757Keine vorgefassten Meinungen/Offenheit: Der Verstand hat sich viele Schubladen zurechtgezimmert und schiebt alles irgendwo hinein. Aber die Wirklichkeit ist in der Regel anders. Ein Herzensmensch versucht nicht, gleich alles zu beurteilen. Im Urteil steckt nur allzu oft Kritik, Besserwissen, Minderwertigkeitsgefühl oder sonst etwas Unersprießliches. Und alles Negative, das durch unseren Kopf geistert, ist wie ein subtiles Gift, das unser eigenes Bewusstsein (das in der okkulten Mystik Wasser als Symbol hat), vergiftet. Wenn ihr in einen Wasserkrug Zucker werft, wird alles süß, wenn ihr aber Gift hineintropft, wird das Wasser zu Gift. Man sollte daher gut überlegen, welchen Bewusstseinsinhalten man das Tor in sein Bewusstsein öffnet.

Der Herzensmensch ist den anderen Menschen gegenüber offen. Darüber hinaus geht er grundsätzlich vom Guten des Gegenübers aus. Und hier kommt noch ein Gesetz ins Spiel: Wer besonders die guten Seiten eines Menschen sieht bzw. hervorhebt und beachtet, der fördert in diesem Menschen auch diese Eigenschaften. Gleichzeitig gewinnt er die Zuneigung dieser Menschen. Es entsteht also eine win-win-Situation.

Kinder sind von Natur aus offen, und das hilft ihnen einmal, viel Neues (kennen) zu lernen und sich auf Dinge einzulassen, die sie einfach noch nicht kennen. Nehmen wir die Meditation: Ein Verstandesmensch mag geneigt sein zu behaupten, „dass die Meditation nichts bringt, ja vielleicht sogar gefährlich ist, denn man schaltet dabei ja seinen Verstand aus. Da wir man ja verblödet und stumpf wie ein Stück totes Holz“. Selbstverständlich ist das ein Unfug, denn es ist längst bewiesen, dass Meditation den IQ hebt, das analytische Denken verbessert und vieles mehr. Aber der Verstand mit seinem engen Denken und ewigen Verdächtigungen mag zu so einem Ergebnis kommen; übrigens ohne auch nur die geringste Ahnung von Meditation zu haben.

Das offene Herz hingegen sagt, „lass es mich doch ausprobieren“: Und dann kann es sich aus erster Hand ein Urteil darüber bilden, ob es nach der Meditation ausgeglichener, glücklicher, liebevoller und erfüllter ist oder eben nicht.

Die Offenheit lässt also ein Kind viel Neues erleben und lernen. Unmittelbares Resultat: Kinder langweilen sich weniger als Erwachsene. Ein Kind in seiner Offenheit ist wie ein Gebirgsfluss: Ständig in Bewegung, glasklar und rein. Durch die ständige Bewegung gibt es ständigen Fortschritt und ständiger Fortschritt gibt dem Leben nicht nur einen tiefen Sinn, sondern auch seine Erfüllung! Erwachsene hingegen gleichen oft eher einem stehenden Tümpel, dessen Wasser kippt und trüb ist. Hier sind natürlich die Bilder zur Illustration etwas überzeichnet. Ich kenne natürlich auch 75 Jahre alte Herzensmenschen und ältere Kinder, denen man schon so exzessiv das äußere Wissen eingetrichtert hat, dass sie mehr wie besserwissende, graue Senioren daherkommen.

Schneller lernen: Im Englischen heißt das auswendig lernen so treffend „to learn by heart“. Es ist ein bekanntes Phänomen, welche unglaublichen Mengen Kinder geradezu spielerisch lernen können, Sprachen und vieles mehr. Daran erkennen wir, dass das Herz über eine wesentlich größere Fähigkeit verfügt zu lernen, als der Verstand – auch wenn wir uns das anders vorgestellt hätten.

pexels helena lopes 4409279Nicht aufgeben: Egal welches Ziel man verfolgt, ein weltliches oder ein spirituelles, wer es erreichen will, braucht Beharrungsvermögen. Ein Erwachsener versucht etwas einmal, zweimal, dreimal, dann ist er schon geneigt zu sagen: „Das kann ich nicht, das ist nichts für mich“. Übrigens setzt sich der Verstandesmensch grundsätzlich gerne Grenzen. Das und das kann, das und das geht nicht. Ein Herzensmensch glaubt gar nicht an die „Unmöglichkeit“, denn er steht der Seele viel näher als der Verstand und diese verfügt tatsächlich über unendliche Fähigkeiten und grenzenloses Potential.

Nun, wenn ein Kind zum Beispiel laufen lernt, fällt es anfangs wieder und wieder hin. Aber es denkt gar nicht daran aufzugeben, sondern steht gleich wieder mit großem Enthusiasmus auf und probiert weiter…

Heiterkeit: Wenn uns das Herz nichts anderes als Heiterkeit gäbe, wäre das schon mehr als genug. Kinder singen oft ganz spontan; Erwachsene hängen dagegen eher ihren ständig ablaufenden Gedanken nach. Diese Welt würde ganz anders aussehen, wenn sie mit etwas mehr Heiterkeit gesegnet wäre!

Lieblichkeit: Ein Kind strahlt auf natürliche Weise etwas Liebes, Süßes aus. Der Grund liegt wieder einmal darin, dass es im Herzen lebt und damit wesentlich inniger mit der Seele verbunden ist, als ein Erwachsener, der enger mit dem Verstand verbunden ist. Da das Kind etwas Liebes ausstrahlt, möchte man ihm auch Liebe schenken. So ist es ganz natürlich, dass sich die Mutter dem Kind auch aufopfert. Jeder will Kinder gerne berühren oder unterstützen. Wer durch die Herzensmeditation das Kind in sich wieder mehr zum Vorschein bringen kann, der wird auch diese Qualitäten in sich kultivieren und in der Folge wird im spontan mehr Zuneigung von den Mitmenschen teilwerden. Gleichzeitig wird er auch mehr Liebe für die Mitmenschen empfinden. Wir sitzen nicht in einem geschlossenen System, sondern stehen auf den verschiedenen subtilen Ebenen durchaus miteinander im Austausch. Dieser Austausch kann im positiven wie im negativen Bereich stattfinden. Wer Liebe aussendet, wird Liebezurückerhalten. Was du säst, wirst du ernten.

Ich bin überzeugt, jeder wird nun das eine oder andere Argument gefunden haben, warum es sich auszahlt, auf das Herz zu meditieren. Wie man dies macht, könnt ihr über diesen Link erfahren: Hier

Mine is a hallowed heart-temple.
Here I sing,
Here I pray,
Here I meditate,
And here in silence I converse
With my Lord Beloved Supreme.

Sri Chinmoy

Arthada 13. April 2021

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